Wer heute durch Mehrhoog spaziert, vorbei an belebten Wohngebieten, modernen Geschäften und unserer Grundschule, vergisst leicht, dass unser Dorf eine vergleichsweise junge, aber dafür umso dynamischere Geschichte hat. Mehrhoog ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus kargem Boden durch Fleiß, Eisenbahnschienen und echten Dorfzusammenhalt eine blühende Gemeinschaft entstehen kann.
1. Die Anfänge: Das „große Moor“ und frühe Spuren (bis 1800)
Der Name „Mehrhoog“ verrät dem findigen Niederrheiner eigentlich schon fast alles über seine geografische Entstehung. Er setzt sich historisch aus den Begriffen „Mehr“ (was auf ein stehendes Gewässer, ein Bruch- oder Moorgebiet hinweist, ähnlich dem heutigen Vennebrandt) und „Hoog“ (eine Anhöhe oder ein hochgelegenes Gelände) zusammen. Frei übersetzt: Die Siedlung auf der Anhöhe am Moor.
Lange Zeit war das Gebiet, das wir heute unser Zuhause nennen, dünn besiedelt. Es bestand weitgehend aus Heideflächen, sandigen Böden und unwegsamen Bruchlandschaften. Die Menschen lebten verstreut in kleinen Hofschaften und ländlichen Katen. Politisch und kirchlich gehörte die Region über Jahrhunderte hinweg zu Haldern und damit zum Amt Aspel bzw. zum Herzogtum Kleve. Die ältesten Höfe in den Außenbereichen, wie etwa im Bereich Lohkanal oder Bergerfurth, lassen sich in alten Hebe- und Steuerregistern der Region bis ins späte Mittelalter und die frühe Neuzeit zurückverfolgen.
2. Der Wendepunkt: Die Eisenbahn bringt den Fortschritt (1856)
Wenn wir einen Geburtstag für das „moderne“ Mehrhoog suchen müssten, dann wäre es wohl das Jahr 1856. In diesem Jahr geschah etwas, das das Schicksal des Ortes für immer verändern sollte: Die Eröffnung der Hollandstrecke (Oberhausen–Arnhem) durch die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft.
Ursprünglich gab es hier gar keinen Halt, doch die strategische Lage zwischen Wesel und Rees sowie der Holzreichtum der umliegenden Wälder (Stichwort: Diersfordter Wald) machten die Einrichtung einer Station attraktiv. Mit dem Bau des Bahnhofs Mehrhoog – der anfangs noch recht spartanisch war – war der Funke gezündet.
Plötzlich war das abgeschiedene Heidedorf an die weite Welt angebunden. Holz aus den heimischen Wäldern konnte tonnenweise verladen werden, und die Landwirte erreichten die Märkte im Ruhrgebiet im Handumdrehen. Um den Bahnhof herum siedelten sich die ersten Gewerbebetriebe an: Gaststätten für Reisende, Handwerker und Händler. Der Bahnhof wurde zum wirtschaftlichen Herzschrittmacher Mehrhoogs.
3. Das 20. Jahrhundert: Wachstum gegen alle Widerstände
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung spürbar. Aus den verstreuten Höfen bildete sich langsam ein echtes Dorfzentrum.
- Die Zwischenkriegszeit: In den 1920er und 1930er Jahren schritt die Kultivierung der Heideflächen weiter voran. Neue Siedler kamen, angelockt durch die guten Verkehrsanbindungen und die Möglichkeit, sich hier eine Existenz aufzubauen.
- Der Zweite Weltkrieg und der Neuanfang: Auch an Mehrhoog ging der Zweite Weltkrieg nicht spurlos vorbei. Aufgrund der strategisch wichtigen Bahnlinie war das Dorfgebiet im Frühjahr 1945, insbesondere während der alliierten Rheinüberquerung („Operation Plunder“), heftigen Luftangriffen und Artilleriebeschuss ausgesetzt. Viele Gebäude rund um den Bahnhof wurden zerstört. Doch die Mehrhooger ließen den Kopf nicht hängen: Mit rheinischem Pragmatismus und Ärmel-hochkrempeln wurde das Dorf in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut.
4. Der Bauboom und die Eigenständigkeit im Wandel
Nach 1945 erlebte Mehrhoog einen beispiellosen Boom. Viele Heimatvertriebene und Flüchtlinge fanden hier eine neue Heimat. Die Nähe zum expandierenden Ruhrgebiet machte Mehrhoog zudem für Pendler attraktiv, die im Grünen wohnen, aber im Revier arbeiten wollten.
In den 1960er und 1970er Jahren schossen die Neubaugebiete regelrecht aus dem Boden. Aus dem einstigen Heidedorf wurde der einwohnerstärkste Ortsteil der heutigen Stadt Hamminkeln. Im Zuge der kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1975 verlor das Dorf zwar seine Zugehörigkeit zum Amt Haldern und wurde Teil der neu gebildeten Gemeinde (heute Stadt) Hamminkeln, doch das tat dem ausgeprägten Mehrhooger Selbstbewusstsein keinen Abbruch.
Ein Meilenstein für die Dorfgemeinschaft war in dieser Epoche auch der Bau der eigenen Kirchen: Die katholische Kirche St. Elisabeth und die evangelische Kreuzkirche wurden zu Zentren des gesellschaftlichen und geistlichen Lebens, flankiert von einer rasant wachsenden Vereinslandschaft (vom VfR Mehrhoog bis zum Schützenverein), die bis heute das Fundament unseres Dorflebens bildet.
5. Mehrhoog heute: Modern, lebendig, heimisch
Heute ist Mehrhoog ein moderner Stadtteil, der den Spagat zwischen idyllischem Dorfcharakter und zeitgemäßer Infrastruktur perfekt meistert. Mit einer hervorragenden Bahnanbindung, einer lebendigen Kaufmannschaft rund um den Ortskern und einem Vereinsleben, das seinesgleichen sucht, beweisen wir jeden Tag: In Mehrhoog lässt es sich nicht nur gut wohnen, sondern verdammt gut leben!
Unsere Geschichte ist nicht in Stein gemeißelt – wir schreiben sie jeden Tag gemeinsam weiter. Auf die nächsten Kapitel unseres Heimatdorfes!